Als Unterpfand bei den Verhandlungen zwischen

den Mittelmächten und Russland 1918

Die offiziellen Auskunftsämter für Kriegsgefangene sprechen von 2 111 146 österreichisch-ungarischen und 158 104 reichsdeutschen Kriegsgefangenen in Russland [1].

Die 1914 Gefangenen kamen überwiegend nach Sibirien und Turkestan in große Lager. Bei der Behandlung der Gefangenen muss man explizit zwischen den Offizieren und Mannschaften unterscheiden. Die Offiziere bekamen Lohn, waren von der Arbeitspflicht befreit, hatten Diener zu ihrer Versorgung und erhielten auch sonst eine ihrem Rang entsprechende Behandlung, während die Mannschaften auf die karge russische Verpflegung angewiesen waren, Arbeit leisten mussten und in den Lagern überwiegend große Not litten. Die Offiziere verblieben fast alle bis zu ihrer Rückkehr in den Lagern, während die Mannschaften nach dem Schrecken der Typhusepidemien im Winter 1914/15 ab Sommer 1915 zur Arbeit herangezogen wurden. Hier machten sie sehr unterschiedliche Erfahrungen. Starb beim Bau der berüchtigten Murmanbahn eine große Zahl von Gefangenen, so wurden ihre Kameraden auf Landarbeit in Zentralrussland, wo im Januar 1917 496 917 Mann eingesetzt wurden [2], meist als Familienmitglieder behandelt.

Was die russischen Gefangenen in den Ländern der Mittelmächte betrifft, so gerieten insgesamt 3 395 105 russische Soldaten und
14 328 Offiziere in Gefangenschaft. 42,14% kamen in deutsche, 56,9% in österreichisch-ungarische Gewalt [3]. Die Todesrate unter den in deutsche Hand Geratenen betrug 5,39% [4].

Der russische Historiker Sergeev zeichnet für die Verpflegung ein Bild des Grauens. Auch habe es in den Lagern keine größeren Epidemien gegeben, obwohl die medizinische Versorgung recht mangelhaft gewesen sei. Er schreibt von drakonischen Strafen für Fluchtversuche bis hin zur Todesstrafe [5].

Nach dem Oktoberumsturz in Petrograd wurden an der Ostfront ein Waffenstillstand und Friedensverhandlungen vereinbart. Damit gewann auch die Frage der Heimkehr der Gefangenen an Aktualität. Im Weiteren soll der Verlauf der Gespräche nachgezeichnet werden, um vor Augen zu führen, wie die Gefangenen zum Unterpfand der jeweiligen Interessen wurden.

Am 22.12.1917 begannen die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk. Russland schlug vor, die Kriegsgefangenenangelegenheiten getrennt in Petrograd zu besprechen [6]. Die Verhandlungen gestalteten sich sehr schwierig, es gab aber gewisse Forschritte. „Anfang Februar 1918 zeigte sich allerdings, dass auch Deutschland aus... kriegswirtschaftlichen Gründen an einem raschen Abschluss der Petrograder Verhandlungen nicht interessiert war“ [7].

Österreich-Ungarn unterzeichnete im Alleingang ein gemeinsames Protokoll über die Behandlung der Gefangenen bis zu ihrer Heimschaffung. Als am 16. Februar die deutsche Heeresleitung die Wiederaufnahme der Kampfhandlungen gegen Russland befahl, mussten die Delegierten der Mittelmächte Petrograd verlassen [8].

Als Folge des deutschen Vorstoßes wurde am 3.03.1918 in Brest-Litowsk der Friedensvertrag mit Zusatzverträgen unterzeichnet.

In dem deutsch-russischen Zusatzvertrag zum Brester Friedensvertrag ist in Artikel 17 § 4 vorgesehen: „Eine aus je vier Vertretern der beiden Teile zu bildende Kommission soll alsbald nach der Ratifikation des Friedensvertrags an einem noch zu bestimmenden Orte zusammentreten, um die im § 1 Abs. 3 vorgesehenen Zeiträume sowie die sonstigen Einzelheiten des Austausches, insbesondere die Art und Weise der Heimbeförderung, festzusetzen und die Durchführung der getroffenen Vereinbarungen zu überwachen“ [9].

Nachdem am 24.04.1918 der deutsche Botschafter in Russland, Graf Mirbach und mit ihm die Hauptkommission für den Gefangenenaustausch und die Fürsorge für die Gefangenen in Moskau eingetroffen waren, konnten am 27. April die Verhandlungen der gemischten Kommission beginnen [10].

Die Gespräche betrafen in erster Linie den Modus des Austausches: Die russische Delegation schlug einen proportionalen Austausch vor, während die deutsche Seite auf dem Prinzip‚ Kopf um Kopf‘ beharrte.

Am 8.05.1918 fand die fünfte Sitzung statt. Es wurde unter anderem der deutsche Vorschlag diskutiert, die deutschen und türkischen Gefangenen von den anderen zu trennen [11].

Am 13.05.1918 trat die Kommission zu ihrer zehnten Sitzung zusammen.

Auf der Tagesordnung stand die Proportionalität des Austausches der Kriegsgefangenen.

Der Russe Gillerson bemerkte, dass die Würde Russlands es nicht zulasse, dass seine Bürger in Deutschland in der Stellung von Kriegsgefangenen blieben, wenn die Untertanen Deutschlands schon heimgekehrt seien.

Praktisch solle ihre Arbeit zur Aufstellung einer Zeitspanne führen, im Verlaufe derer der Austausch der Gefangenen vollständig beendet sein müsse.

Angesichts dessen, dass die Zahl der Gefangenen in Russland und Deutschland sich stark unterscheide, müsse man in jeder einzelnen Zeitspanne nicht die gleiche, sondern die proportionale Zahl an Gefangenen austauschen.

Major von Bothmer teilte als Vertreter der deutschen Abteilung für Militärverkehrsverbindungen mit, dass ein proportionaler Austausch folgendes Bild ergeben würde: die russische Seite müsste
7 Züge nach Baranoviči schicken, davon 6 leere und einer mit deutschen Gefangenen, in der gleichen Zeit würde Deutschland
7 Waggons mit russischen Gefangenen schicken, von denen 6 leer zurückkehrten und einer mit deutschen Gefangenen.

Dies widerspreche dem Prinzip, dass die Gefangenen so schnell wie möglich ausgetauscht werden sollten. Über den Zeitpunkt der Beendigung des Austausches könne aus technischen Erwägungen nicht gesprochen werden. Im Moment seien die deutschen Eisenbahnen schon an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit, die Kapazität könne nicht erhöht werden, wenn man bedenke, dass Deutschland jeden seiner Waggons an der Westfront nutzen müsse [12].

Am 4.06. wurden die Gespräche unterbrochen. Das Zentrale Kollegium machte die Unterbrechung zum Gegenstand seines Befehls Nr. 34. Danach wurden die Gespräche eingestellt, weil die deutsche Delegation mitgeteilt habe, dass sie es nicht für möglich halte, die Verhandlungen fortzusetzen, solange nicht die Frage der Ordnung des Austausches der Kriegsgefangenen geklärt sei. Die deutsche Delegation stehe dabei auf dem Standpunkt, dass trotz der großen Unterschiede in der Zahl der Gefangenen der Austausch Kopf um Kopf erfolgen solle. Die russische Delegation verwerfe diesen Stand punkt [13].

Am 11.07.1918 traf sich dann die Gemischte Kommission zur
18. Sitzung.

In der Zwischenzeit war in Berlin das russisch-deutsche Protokoll über den Austausch Kopf um Kopf gemäß den deutschen Wünschen ratifiziert worden. Die deutsche Delegation richtete jetzt ihr Augenmerk auf die Evakuierung der vom Bürgerkrieg bedrohten Gebiete [14].

Am 7.08.1918 fand die 28. und letzte Sitzung der Gemischten Kommission statt. Die deutsche Delegation teilte mit, dass die deutsche diplomatische Vertretung und die deutsche Delegation heute von Moskau nach Petrograd umziehen würden [15].

Bei den Verhandlungen der Gemischten Kommission setzte sich also die deutsche Delegation mit ihrem hartnäckigen Festhalten an der Forderung durch, die Gefangenen Kopf um Kopf auszutauschen. Das Argument der Mittelmächte, aus rein technischen Gründen sei es nicht möglich, mehr Russen zu entsenden, wurde aller Wahrscheinlichkeit nach nur vorgeschoben, um die russischen Gefangenen als Arbeitskräfte für die Landwirtschaft zu erhalten.

Bis zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Sowjetrussland durch die neue republikanische deutsche Regierung im November 1918 wurde das europäische Russland weitestgehend von Kriegsgefangenen geräumt. Die Masse der russischen Kriegs-
gefangenen im Deutschen Reich war in Gefangenschaft verblieben. Nun nahm auch der Gefangenenaustausch vorläufig ein Ende. Die Westalliierten erlegten dem besiegten Deutschen Reich die Bedingung auf, die russischen Kriegsgefangenen zunächst nicht zu entlassen. Die sowjetischen Stellen beschuldigen die Westalliierten, in den Gefangenenlagern antibolschewistische Propaganda zu betreiben und Werbung für konterrevolutionäre Streitkräfte zu betreiben. Diplomatische Kontakte gab es erst wieder 1920, als der sowjetrussische Vertreter Viktor Kopp in Berlin eintraf. Die Verhandlungen endeten am 19.04.1920 mit einem Vertrag über den Gefangenenaustausch. Erst 1922 kam der Gefangenenaustausch zu einem Ende.

Примечания

1. Siehe: Abgedruckt in Franz Scheidl, Die Kriegsgefangenschaft von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Eine völkerrechtliche Monographie, Berlin 1943. S. 96.

2. Siehe Antal Józsa, Háború Hadifogság Forradalom. Magyar Internacionalsta Hodifoglyok az 1917-es Oroszországi Forradalmakban. Budapest, 1970. 117. o.

3. Siehe: Evgenij Sergeev, „Kriegsgefangenschaft aus russischer Sicht. Russische Kriegsgefangene in Deutschland und im Habsburger Reich (1914–1918)“ in Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte, 1 (1997),
S. 113-134.

4. Siehe Scheidlf. S. 97.

5. Sergeev, Kriegsgefangenschaft. S. 121-3.

6. Siehe Hannes Leidinger, Zwischen Kaiserreich und Rätemacht. Die deutschösterreichischen Heimkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft und die Organisation des österreichischen Kriegsgefangenen- und Heimkehrwesens 1917–1920,Hist. Diplomarbeit Wien 1995, [Masch]. S. 81.

7. Leidinger, Zwischen Kaiserreich. S. 84.

8. Siehe Leidinger, Zwischen Kaiserreich. S. 84.

9. Zitiert in Lager, Front oder Heimat. Deutsche Kriegsgefangene in Sowjetrussland 1917–1920, München; New Providence; London; Paris 1994. Bd. 1. S. 53/4.

10. Siehe Sonja Striegnitz, Deutsche Internationalisten in Sowjetrussland 1917–1918. Proletarische Solidarität im Kampf um die Sowjetmacht, Berlin [Ost] 1979. S. 78.

11. Siehe ГАРФ. Ф. р-3333. Оп. 2. Д. 17. Л. 16.

12. Там же. Л. 55-57.

13. Siehe ГАРФ. Ф. р-3333. Оп. 1. Д. 3. Л. 39.

14. Siehe ГАРФ. Ф. р-3333. Оп. 2. Д. 17. Л. 106.

15. Там же. Л. 158-160об.

Щербинин П.П.

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